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Gender Mainstreaming

22. Dezember 2008

Der englische Begriff "Gender" bezeichnet das soziologische Geschlecht im Unterschied zum biologischen ("Sex"). Prinzipielle Zielrichtung von Gender Mainstreaming ist der bewusste Umgang mit den Geschlechterrollen, um Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen zu erkennen bzw. zu vermeiden. Die unterschiedlichen Bedürfnisse von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern sollen wahrgenommen, Diskriminierung soll abgebaut und geschlechtsrollenspezifische Potenziale sollen gefördert werden.

Die Wurzeln von Gender Mainstreaming liegen in der weltweiten Frauenbewegung. "Auf der 3. Weltfrauenkonferenz in Nairobi, 1985, taucht der Begriff ‚Gender Mainstream’ zum ersten Mal in einem öffentlichen Dokument auf." (C. Leibrock in aej-Studie Nr. 6, S. 64)

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend definiert den Begriff in einer Broschüre folgendermaßen (2002):
"Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt. Gender kommt aus dem Englischen und bezeichnet die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechtsrollen von Frauen und Männern. Diese sind – anders als das biologische Geschlecht – erlernt und damit auch veränderbar.

Mainstreaming (englisch für ‚Hauptstrom’) bedeutet, dass eine bestimmte inhaltliche Vorgabe, die bisher nicht das Handeln bestimmt hat, nun zum zentralen Bestandteil bei allen Entscheidungen und Prozessen gemacht wird."

Damit ist die sozial-konstruktivistische Sicht des Begriffs Gender dargestellt: Das biologische Geschlecht ist vorgegeben, die  gesellschaftliche Geschlechterrolle wird jedoch geprägt (konstruiert) und hängt von jeweils unterschiedlichen soziokulturellen Voraussetzungen ab.

Das Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit ist durch die neutestamentliche Botschaft vorgegeben (z. B. Gal.3, 28). Biblisch-theologisch ist außerdem zu betonen: Kulturell, sozial und gesellschaftlich geprägte Geschlechterrollen bedürfen gerade angesichts der Begegnungen Jesu mit Frauen seiner Zeit einer kritischen Reflexion. Jesus konnte beispielsweise die Geschlechterrollen, die die damalige Gesellschaft den Frauen fest zuordnete, völlig ignorieren bzw. souverän aufbrechen (vgl. das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen Joh 4,1-42 oder seine Begegnung mit Maria und Martha Luk.10, 38-42 u.a.). Moderne dekonstruktivistische Perspektiven des Gender-Begriffs (der kritische Blick auf das, was durch bestehende Konstruktionen ausgeschlossen wird) sind also insofern berechtigt, als sie dazu verhelfen, die Vielfalt der Differenz der Geschlechter neu wahrzunehmen und zur Geltung zu bringen.

Die Gefahr ideologischer Verengungen sehen wir, wenn geschichtlich gewachsene Geschlechterrollen unter das generelle Urteil von Ungerechtigkeit und Unfreiheit fallen. Ideologische Verengungen sehen wir auch, wenn biologische Voraussetzungen und Fakten ignoriert werden oder wenn unter der Hand nur noch ganz bestimmte Ausprägungen von Geschlechterrollen als angemessen und gerecht propagiert werden.

22.12.08 – Referentenkonferenz und Arbeitskreis Jugendpolitik des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland e.V. – Dr. Wolfgang Neuser, Generalsekretär